Was man in der Türkei sagen kann
By Dorte on Wednesday, March 19 2008, 12:42 - Permalink
Als Ausländerin in der Türkei bin ich zuweilen immer noch verwirrt darüber, was man sagen kann und was nicht. Manchmal wünsche ich mir ein Handbuch, das ich zu Rate ziehen könnte – dann wüsste ich zumindest, wann und warum ich oder jemand anderes mit seinen Worten gerade provoziert und wo die Grenzen des Sagbaren liegen (was nicht bedeutet, dass ich meinen Mund entsprechend geschlossen halten würde, aber wenigstens wäre ich vorbereitet auf die Reaktionen).

Es ist noch nicht allzu lange her – und das Ereignis hat einen festen Platz in den Köpfen vieler Menschen hierzulande –, da sagte der türkische Premier Erdoğan zu einem augenscheinlich unzufriedenen anatolischen Bauern „Nimm deine Mutter und geh!“ Das war im März letzten Jahres während des Wahlkampfs. Die türkischen Bürger maßen der Beleidigung offenbar nicht allzu viel Bedeutung bei, denn sie belohnten die Regierungspartei (der momentan die Schließung droht, aber das hat ganz andere Gründe) mit einem phänomenalen Wahlergebnis. Einen anatolischen Bauern zu beleidigen, ist also offenbar keine große Sache. Eine große Sache ist es hingegen, wenn Erdoğans Worte auf einer Theaterbühne wiederholt werden – wie kürzlich in einem Theater in Trabzon. Das Stück, um das es geht, trägt den Titel „Düğün yada Davul“ (Hochzeit oder Trommeln). Die Künstler haben zudem noch einige weitere politisch brisante Zitate ins Stück eingebaut, wie „Der Premierminister hat Angst vor den Vereinigten Staaten“ und „Dies ist kein Ort zum Sitzen und Verweilen“, was türkischen Zeitungsberichten zufolge die Regierung veranlasste, eine Untersuchung gegen das Theater beziehungsweise die Produzenten des Stückes einzuleiten. Vielleicht haben Regierungsvertreter einfach nicht genug Zeit, um ins Theater zu gehen. In dem Fall sollten sie zumindest den Fachleuten Gehör schenken, zum Beispiel Nermin Karademir, Vertreter der Kunst- und Kulturvereinigung Trabzon: „Das Theater ist kein Ort, an dem hochrangige Beamte Tag und Nacht in den Himmel gelobt werden.“
Unterdessen erreicht uns die wohltuende Nachricht, dass Elif Şafak, Autorin des Bestseller-Romans „Der Bastard von Istanbul“, die angeklagt war, wegen des Verdachts, in ihrem Roman das Türkentum beleidigt zu haben, unter den 20 nominierten Schriftstellern für den prestigeträchtigen britischen Orange Broadband Prize for Fiction ist.
Was Karademir über die Künste gesagt hat, gilt ebenfalls für die Medien: Auch dies ist nicht der Platz, an dem hochrangige Beamte Tag und Nacht in den Himmel gelobt werden sollten. Teil der journalistischen (und der künstlerischen) Profession ist es, kritisch zu sein gegenüber dem, was Menschen sagen und tun, und Sichtweisen in die Öffentlichkeit zu tragen. Es gibt allerdings einen Unterschied zwischen Kritik und der Freude, andere an den Pranger zu stellen, wobei jeder sich die weißere Weste anzieht, indem er anderen den Schwarzen Peter zuschiebt – zugegeben ein unterhaltsameres Spiel als die trockene politische Analyse, aber nüchtern betrachtet ein Armutszeugnis – für Politiker genauso wie für Journalisten.
Meine Erfahrung der vergangenen Wochen hat mir den Eindruck vermittelt (und ich kritisiere ausdrücklich die türkischen Medien für ihren Anteil daran), dass es keineswegs als unangemessen oder Beleidigung angesehen wird, wenn man eine Wildfremde mit den Worten begrüßt: „Ach, Du bist Deutsche?! Die Deutschen haben doch neulich die Häuser von Türken angezündet, nicht wahr? Es waren zehn, oder?“
Ich habe nichts dagegen, anderen Menschen zu erklären, dass ich Brandanschläge aller Art verurteile, die gegen Menschen jedweder Nationalität verübt werden, wie übrigens die meisten meiner Landsleute (Deutsche, Türken und wen wir sonst noch so haben). Traurigerweise haben wir unter uns jedoch einige hirnlose Gestalten, die glauben, Menschen nach ihrer ethnischen Herkunft beurteilen und abstrafen zu dürfen (ich persönlich hätte nichts dagegen, die Menschen, die so denken, auszuweisen, aber das wäre wohl auch keine Lösung, und überhaupt, wer würde sie schon freiwillig aufnehmen?). Ich habe nichts gegen Türken (oder Aleviten) beziehungsweise dagegen, dass Menschen in fremden Ländern leben – die Tatsache, dass ich mich in diesem Land aufhalte, spricht für sich. Ich habe aber sehr wohl etwas gegen rassistische Meinungen und diejenigen, die diese unterstützen oder befeuern – und da spielt es keine Rolle, welcher Nationalität diese Menschen angehören. Ich finde türkische Rassisten ebenso kleingeistig wie deutsche.
Ich finde es traurig, dass ich mich für mein Deutschsein verteidigen muss (ich verurteile nicht alle Türken für die unschönen Taten, die in diesem Lande begangen worden sind, sondern nur die, die dafür verantwortlich sind oder nur im Kleinsten Verständnis oder Unterstützung dafür aufbringen).
Es ist nicht die Schuld des gering gebildeten Inhabers eines Musikladens in Van oder der Schmuckverkäuferin in Ortaköy, die mir ihre Sorgen angesichts der „Serie von Anschlägen gegen Türken“, verübt von Deutschen, mitteilen. Die Verantwortung für solche Bilder und unbedacht geäußerte Generalvorwürfe tragen Journalisten, die türkischen Lesern den Eindruck vermitteln, „die Deutschen“ hätten etwas gegen „die Türken“ und „Die deutsche Regierung verfolgt eine bewusst ‚faschistische’ Politik gegenüber Türken* (während die deutsche Regierung einen Integrationsgipfel mit Vertretern der türkischen Community abhält). Diese groben und verallgemeinernden, zum Teil haltlosen Vorwürfe tragen nichts zur Verbesserung der Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei bei, sondern gießen Öl ins Feuer derjenigen, die mit ihren kleingeistigen Schandtaten leider, leider gute Titelgeschichten liefern.
- Das Zitat stammt aus der Wirtschaftszeitung ‘Referans’ und ist die Überschrift zu Yiğit Buluts Artikel, der in der englischen Übersetzung von „Turkish Weekly“ veröffentlicht wurde, online unter http://www.turkishweekly.net/news.php?id=53516
Dorte HUNEKE
Comments
Ich lebe in Deutschland und muss leider sagen, dass es hierzulande auch nicht anders aussieht. Ich bin in der Türkei geboren und seit Jahren in Deutschland, dementsprechend verfolge ich die Medien beider Länder aus großem Interesse. Obwohl ich gut Deutsch spreche, den deutschen Pass habe und 90% meiner Freunde Deutsche sind, vermitteln deutsche Medien mir nicht das Gefühl, hier zu Hause zu sein. Dazu kommen die Politiker à la Koch, die mit ihren (meiner Meinung nach no-go-Äußerungen) selektiv gegen ausländische Jugendliche vorgehen. Umso erstaunlicher ist, dass solche Politiker trotzdem salonfähig sind und weiterhin eine der größten Volksparteien vertreten dürfen. Das Problem ist nicht die Person Koch, der die Grenzen zum Rassismus aufweicht, sondern seine Nachfolger, die diese Grenzen einen Schritt weiter Richtung Rassismus verschieben werden usw. Was hat das mit Medien zu tun? Medien machen nun mal Meinung. Sie stellen die politischen Figuren ins schlechte bzw. gute Licht. Wenn plötzlich alle Medien nur Übergriffe jugendlicher Ausländer auf Deutsche zeigen, glaube sogar ich, jetzt geht ein Bürgerkrieg los. Wenn ich aber auf die Straße gehe, ist nichts von einem Konflikt zu hören oder zu sehen. Es ist meistens ein Tag wie jeder andere, an dem die Menschen getrieben von der materiellen Existenzangst durch die Straßen hinter dem Brot her jagen, um sich abends wieder einer gründlichen Hirnwäsche durch die Medien zu unterziehen. Kapiert's doch endlich, es gibt kein Herkunftsproblem, sondern ein soziales Problem. Jeder, der sich plötzlich im materiellen Nichts findet, keinen Arbeitsplatz hat, wird depressiv und aggressiv. Und das ist eine fatale Mischung, die zu Gewalt und Kriminalität führt, und zwar ungeachtet der Herkunft. Unser Problem ist die zunehmende Armut und das Fehlen von gerecht bezahlter Arbeit. Armut und Kriminalität sind nachgewiesenermaßen keineswegs unabhängige Variablen, sie korrelieren ganz eng miteinander. Nur die wenigsten Nachrichtenmacher stellen diese Zusammenhänge her. Stattdessen bestehen die Nachrichten zu einem wesentlichen Anteil aus Börsennachrichten, die wiederum die wenigsten angehen.
Es ist also kein Wunder, dass Erdogan so eine politische Lücke ausnutzt, und versucht, der Kanzler der hier Lebenden, den von der deutschen Politik und den Deutschen verstoßenen Türken zu sein.
Im Grunde muss ich der Verfasserin Recht geben, denn übertriebener Nationalismus, dem ein gewisses Maß fehlt, führt zu einer engstirnigen Sichtweise, einem nur teilweisen Erfassen der Realität und damit zu Realitätsverlust, einer Radikalisierung und schließlich zum Faschismus, unabhängig von der Ethnie des Betrachters. Allerdings sind die persönlichen Erfahrungen, die man im Alltag macht, unabhängig davon, ob in der Türkei, Deutschland oder auch den USA, dass die Masse der Menschen, die sich eher für ihre persönlichen Belange interessieren, politisch und historisch zu ungebildet sind, um sich ein differenziertes Bild der Welt zu machen, die multiethnisch und sehr komplex ist. Die Menschen tendieren eher dazu, die Sache zu vereinfachen und zu verallgemeinern. Das ist die Ursache des Übels. Persönlich waren meine Erfahrungen in Deutschland leider negativ. Obwohl ich seit 1975 in Deutschland lebe, hier meine gesamte Schullaufbahn absolviert habe, die deutsche Sprache besser beherrsche als meine türkische Muttersprache, habe ich mich in Deutschland nie als Mensch willkommen gefühlt. Obwohl ich nicht vorbestraft und vollkommen integriert bin, werde ich in jedem neuen Büro, in der ich meine Arbeit aufnehmen möchte, mit der unsinnigen Behauptung kritisiert, dass doch alle anderen den Deutschen unterlegen seien und sich am besten integrieren sollen, wobei sie eher assimilieren meinen. Wenn aber Menschen, die hier aufgewachsen sind, nie Straftaten begangen haben und hier studiert haben, nicht die Chance gegeben wird, ordentlich arbeiten und der Gesellschaft nützlich sein zu dürfen, sondern nur wie Hilfskräfte als Zeitarbeiter eingesetzt werden oder als minderwertige Arbeitskräfte, dann muss man sich nicht wundern, dass nach 40 Jahren negativer türkischer Erfahrung mit den Deutschen nun die türkische Gesellschaft und türkische Medien mit der Meinung der wenig begeisterten türkischen Gastarbeiter zurückschlagen. Leider entpuppt sich dies aber auch als menschliche Schwäche der Türken, die in ihrer Geschichte Großes geleistet haben. Von einer Nation, die mindestens 10 Mal in der Geschichte Großmacht war und große Reiche von der japanischen Grenze über Wien und Indien bis zur marokkanischen Grenze errichtet hat, muss und darf man Größe erwarten, die aber nun verloren zu gehen droht. Die Türken dürfen sich nicht in die europäische Falle des Neids und des gegenseitigen Zerfleischens ziehen lassen, die zu den beiden Weltkriegen im letzten Jahrhundert geführt und unerlässliches Leid gebracht haben, sie sollten über solch niedrigen Nationalismen stehen. Dazu gehört auch die sachliche Berichterstattung, die man aber im Gegenzug von den Europäern fordern muss, die in ihren Berichterstattungen ständig kritisieren und polarisieren, als wären sie der Weisheit letzter Schluss.
nach meiner meinung sind die meisten deutschen ausländerfeindlich, das erlebe ich täglich.
ich bin seit einigen monaten taxifahrer, somit sehe und höre ich, was die menschen wirklich denken.
wenn die fahrgäste im taxi sitzen, sind sie mit mir alleine und anonym, können ihren frust rauslassen.
ich bin enttäuscht, aber auch von mir selbst, weil mir all die jahre diese ausländerfeindlichkeit nicht in dem umfang aufgefallen war.
einige leser werden jetzt bestimmt sagen: was hat er denn für fahrgäste?
eins kann ich euch sagen, einen richtig *klassischen* glatzkopf hatte ich noch nicht im taxi.
die personen, von denen ich rede, sind menschen aus allen sozialen schichten, und das ist, was mich am meisten traurig macht.
mfg
NE MUTLU TÜRKÜM DIYENE
Glücklich derjenige, der sich Türke nennt
Interessant, ob Dorte HUNEKE, als sie noch in Deutschland gelebt hat, die flächendeckende Ausländer- insbesondere Türkenfeindlichkeit in ihrem Heimatland aufgefallen ist? Ist ihr die völlig einseitige und dumme Berichterstattung über die nicht-europäischen Bäh-Staaten in den deutschen Volkverblödungsmedien aufgefallen?
Wenn sie nach Deutschland zurückkehrt, kann sie ja mal darüber meditieren!